Gertrud #1:

Jan Scharrelmann
Saved by Spirit

Die katholische Kirchengemeinde St. Agnes und die Galerie Hammelehle und Ahrens eröffnen Gertrud mit einer Ausstellung des Künstlers Jan Scharrelmann. Der durch seine rohen Betonwände und seine besonderen Lichtwirkungen charakterisierte, eigenwillige Raum gehört zu den zentralen Kirchenbauten des Pritzker-Preisträgers Gottfried Böhm. Ausstellungsdauer: September/Oktober 2010.


Jan Scharrelmann
Dirty Bird, 2010
Styropor, Epoxidharz, Farbpigmente, Stahl
400 x 50 x 100 cm

 

 

Jan Scharrelmann
Saved by Spirit I – VI, 2010
Styropor, Epoxidharz, Farbpigmente
je 98 x 98 x 98 cm

 

 

Foto: Bernd Borchardt, Berlin

Mehr Infos zur Ausstellung:

Galerie Hammelehle und Ahrens



Die katholische Kirche St. Gertrud in der Krefelder Straße in Köln Nord zählt zu den bedeutenden Kirchenbauten der Moderne, Gottfried Böhm (geb. 1920) erhielt für diesen Bau 1967 den Deutschen Architekturpreis. Böhms Bekanntheit gründet sich auf die Schaffung höchst skulpturaler, als expressionistisch gewerteter Bauten aus Beton, Stahl und Glas, von denen einige als „Architektur-Ikonen des 20. Jahrhunderts“ gelten dürfen. Die in den frühen 1960er Jahren konzipierte und bis 1965 erbaute Kirche gehört seit der Auflösung der Pfarrei St. Gertrud im Jahre 1991 zur Pfarrgemeinde St. Agnes.

Im Frühjahr 2009 hatte sich ein Arbeitskreis der Kirchengemeinde St. Agnes gebildet und mit der grundsätzlichen Fragestellung einer weitergehenden Nutzung des Kirchenraums St. Gertrud beschäftigt. In diesen Prozess wurde die Galerie Hammelehle und Ahrens miteinbezogen, die Idee einer kombinierten sakralen und kulturellen Nutzung kristallisierte sich schnell im weiteren Prozess heraus. Die Neubelebung von St. Gertrud und somit die Revitalisierung der von Böhm entwickelten sakralen und sozial-räumlichen Strukturen soll in Zukunft durch die Bündelung der Schwerpunkte Kirche, Bildung, Kunst und Kultur in diesem denkmalgeschützten Ort angestrebt werden. Sie bietet die Chance, den gesellschaftlichen Herausforderungen auf experimentelle Weise zu begegnen und neue Impulse zu entwickeln. Weitere Ausstellung der Galerie in den Räumen sind bereits in Planung. Die Kirche St. Gertrud bleibt geweiht und kann weiterhin als Gottesdienst- und Andachtsraum genutzt werden.

Jan Scharrelmann Der 1975 in Köln geborene Bildhauer studierte von 1996 bis 2000 an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Karlsruhe und war von 2000 bis 2002 Meisterschüler von Georg Herold an der Kunstakademie Düsseldorf. 2009 wurde Jan Scharrelmann der Art Scope Award von Daimler Japan verliehen, Werke des Künstlers finden sich sowohl in privaten Kunstsammlungen wie auch in institutionellen Sammlungen wie der des Saarlandmuseum Saarbrücken, der Bundeskunstsammlung und der Daimler Kunstsammlung.

Scharrelmann versteht skulpturale Elemente als Träger von bildhaften Wirkungen. Er unterstreicht die konstruktionsbedingte Spannung durch eine an alchimistische Prozesse gemahnende Einfärbung der aufgebrachten Epoxydschichten. Balance erscheint als eines der zentralen Themen seiner Arbeit. Jedoch basiert sie nicht in der herkömmlichen Weise auf dem viel beschworenen faktischen Gewicht des eingesetzten Materials, sondern darauf, dass die schwere und dickflüssige, von Scharrelmann langjährig erkundete Materie des Epoxidharzes in ihrer spezifischen Kohäsionskraft eine konstruktive Funktion übernimmt. Der Akt und das Produkt des Gießens oder auch Assemblierens reagieren unausweichlich und höchst anschaulich auf Schwerkraft und Erdanziehung. Dies stellt sich umso eindrücklicher dar, wenn das Werk später, in ausgehärtetem Zustand, in andere räumliche Zusammenhänge versetzt wird. Darüber hinaus kann der Boden ganz unmittelbar zum Träger und zur Folie für den Niederschlag des malerischen Vorgangs werden. Als »bodenständig« im Sinne von pragmatisch versteht Jan Scharrelmann auch den Charakter eines weiteren für sein Schaffen essentiellen Werkstoffs: Styropor, das üblicherweise zur Isolation, Wärmedämmung oder als schock-dämpfendes Verpackungsmaterial eingesetzt wird. Die in Normmodulen erhältliche Masse entsteht durch das hitzebedingte Aufschäumen von Polystyrolsplittern; sie »erwächst« also gleichsam aus zusammengebackenen, luftgefüllten Schaumkugeln. Jan Scharrelmann ist sich der komplexen technischen Genese seiner trivialen Werkstoffe wohl bewusst. Die den Materialien schon aufgrund ihrer aufwendigen Herstellungsprozesse inhärenten Energien werden im Kunstwerk aufgespürt, bewahrt und zumeist gar potenziert.